Neulich habe ich Sommerurlaub gemacht. Aus organisatorischen Gründen hatte ich erst Ende September dafür Zeit. So beschloss ich, in den Süden zu fahren und dort mit leichtem Gepäck zu bikepacken. Start und Ziel sollten Bahnhöfe haben, die mit Rad im Zug von Berlin aus gut erreichbar sind. Die Auswahl war gering, so dass die Entscheidung sich auf ja oder nein beschränkte.
Los ging es also mit einem Nachtzug in die Schweiz. Von einem Fahrtgast guckte ich mir ab, wie man sich im Fahrradabteil bettet - das war perfekt. Von Genf aus kurbelte ich mich am Nachmittag nach Annecy. 19 Uhr wurde es schlagartig dunkel, doch ich fand einen unverschlossenen Campingplatz.
Am nächsten Tag stand ich 4 Uhr auf, um die Alpen zu überqueren. Da ich Gegenwind liebe, hatte ich viel davon. Mont Cenis hüllte sich in Wolken. Auf der italienischen Seite rollte ich ins schöne Val de Susa, wo ich einen Campingplatz fand. Hier war noch richtig Stimmung, der Zeltplatz hatte eine Pizzeria und ich dafür Ohropax.
Von dort ging es frühmorgens in sonntäglicher Ruhe weiter an Turin vorbei zum Po, auf einem Panoramahöhenweg nach Casale Monferrato. Die Alpen waren schon nicht mehr zu sehen, was eher am Wetter als an der Entfernung lag. Ich kam an diesem Tag noch durch ewige Reisfelder bis Pavia.
Die meisten denken, ich suche das Abenteuer auf meinen Solo-Fahrradtouren. Aber ich hasse Abenteuer und ich liebe Pläne. Mein Roadbook ist drei Seiten lang. Aber Pläne sind nicht die Wirklichkeit.
In der Wirklichkeit kündigten sich in Pavia längere Unwetterfronten an. Ich nutzte die morgendlichen Gewitter zum Ausschlafen und plante meine Route um auf Radwege, denn bei Regen machen Straßen keinen Spaß. Ein bisschen Strade bianchi. Wie groß ist bei dem Wetter die Freude, einen anderen Bikepacker zu treffen? Der seinen Reifen nicht mehr auf die Felge kriegt? Und man kann helfen? Voll gutes Gefühl. Nachmittags kam die Sonne raus. Ich hatte selbst einen Platten, aber dank meines guten Trailangelkarmas war der schnell behoben und nach 3 km kam ein Decathlon mit großer Standpumpenauswahl. Ein Autofahrer hielt mich an. „Argine! Argine!“ fuchtelte er mit den Armen und er wäre auch bike rider. Ich verstand: er wollte mir einen tollen Radweg empfehlen. Auf dem fuhr ich weiter im Sonnenuntergang und nach einer Stunde kam mir der Mann mit dem Rad entgegen. Viel Konversation konnten wir nicht führen, denn er sprach nur Italienisch und ich nicht. Er wollte mich zum Übernachten einladen, da er sich Sorgen um mich machte. Ich versprach ihm, nur noch bis zum nächsten Ort zu fahren. Ciao. Ich rollerte ins Dunkle und hielt Ausschau nach einem Biwakspot. So kam ich zu einem Spielplatz, nahm dort mein Abendbrot ein, sondierte das Piratenboot und richtete mich schließlich häuslich ein. Blaulicht, Carabinieri, Ausweiskontrolle. „Giuliana, per que solo??“ guckte mich der jüngere Polizist traurig an. „Holiday, my family is at home“, sagte ich, um Kopfschütteln zu ernten. Ja, ich hatte verstanden: alleine als Frau durch Italien fahren ist nicht üblich und die Männer kriegen ein Helfersyndrom. Ich bekam polizeiliche Erlaubnis, im Piratenboot zu bleiben. Wahrscheinlichkeit haben sie die ganze Nacht per Videoüberwachung auf mich aufgepasst. Ich schlief wunderbar.
Am nächsten Tag tat ich alles, um nach Venedig zu kommen, doch es begann, in Strömen zu regnen. Als es dunkel wurde, 40 km vor meinem Tagesziel, musste ich die Notbremse ziehen: Ich nahm mir ein Hotel.
Morgens kaufte ich Frischhaltefolie für die Füße. Venedig war toll. Man kann sein Rad für 10€ in einen Bikesafe stellen. An der Lagune (Flamingos) entlang rollerte ich an den Strand von Caorle, verlassen in der Nachsaison, einfach schön. Alles war dort zu, außer der Fahrradverleih. Ich fragte nach einer Batterie für meinen Schalthebel und hatte sofort 3 männliche Helfer. Einer fuhr mit mir zum Tabakladen, wo ich eine Knopfzelle kaufte. Im Regenradar rollte die nächste Regenfront heran, ich nahm die Herausforderung an und düste ohne Pause nach Palmanova, wo es drei Hotels geben sollte. Der Punkt ging an mich und so checkte ich trocken ein, baute aus Frischhaltefolie eine Wäscheleine für das Zelt und befragte ChatGPT, wo denn nun die Batterie einzuführen sei. ChatGPT beharrte nun aber darauf, dass ich zwei CR1632 bräuchte, nicht nur eine. Die Information hätte ich gern schon in Caorle gehabt. Aufgabe für morgen: Batterien kaufen in Udine und das bedeutete, dass ich ausschlafen und im Hotel frühstücken musste, sonst wäre ich zu früh in Udine gewesen.
Nach Udine ging es wieder in die Berge, ich hatte den Schiebe-Pass nur aus einem Grund ausgewählt: Ich wollte in Robidiče über die Grenze, um eine Foto von der Napoleonbrücke an der Nadisha und vom Mont Stol nach Hause zu schicken. Wunderschön ging es nach Kobarid an die Soća, nach Tolmin und von dort weiter in die Berge. Auf dem letzten Campingplatz vorm Dunkelwerden war ich der einzige Gast. Bei 13 Grad und angesagtem Regen fand ich die Campinghütte dort eine gute Wahl. Zum Glück war der Campingplatz auch eine Bar, sonst wäre er schon geschlossen. So aber füllte sich der Laden mit Einheimischen und ich gönnte mir eine Pizza und Rotwein. In meinem Roadbook stehen Cut-Off-Zeiten und ich hatte sie gerissen.
Im Morgengrauen startete ich die Plan-B-Route ohne Ljubljana und Zagreb, also direkt durch die slowenische Steiermark nach Ungarn. Ich fuhr einen Tag durch Wolken, immer die Regensachen an. Keine Menschen, die Gasthöfe geschlossen, in Ptuj stand ich orientierungslos im Dunkeln und neben mir plötzlich ein skurril überdekoriertes Hostel. 85 Euro? Egal.
Ich verließ es vor Sonnenaufgang. Reine Fleißarbeit, im Berufsverkehr, viele LKW, durch die untouristischen Teile Sloweniens und Kroatiens. Erfreulich sind im Supermarkt die Heizplatten, auf denen Bureki mit Spinat und Feta angeboten werden. An der ungarischen Grenze staunte ich: Ein ausgeschilderter Radweg zum Balaton. Und so bleibt es auch: überall Radwege und viele einladende Pausenhäuschen. Alle fahren hier Rad: Mamas, Papas, Kinder, Omas und Opas, oft auf Rädern, die hier Vintage sind, viele MTB. Ich bin früh genug am Balaton, damit sich die morgige letzte Etappe machbar anfühlt. Wenige Zeltplätze sind noch offen, wieder bin ich im Dunkeln orientierungslos, finde aber letztlich einen. Leider muss ich wieder ausschlafen, da ich erst 8 Uhr bezahlen kann. Ich hab kein Problem, ohne Zahlen abzuhauen, aber der Pförtner hat meine Adresse aufgeschrieben.
Am letzten Tag folgte ich dem BuBa-Radweg, es war schön, so viele diverse Radler*innen zu sehen. Bis in die Innenstadt von Budapest führt der Radweg und früher als erwartet konnte ich mein Zielfoto machen: vom Gellert hegy auf die Szabid hid - der Himmel noch dämmerig blau, die Stadt aber schon hell erleuchtet. Ich spazierte an der Donau entlang, kaufte mir im Manna ABC 0-24 ein Abendessen und ein Deo und gönnte mir ein nettes Hotel direkt am Njugati Bahnhof.